aus dem Vorwort des Katalogs „REALITIES – Dieter Wessinger“

 

 

(...) Dieter Wessinger stellt mit seinen Videoarbeiten Verhaltensmuster und Sehgewohnheiten in Frage. Er experimentiert „im Dschungel der Wirklichkeiten“ mit den verschiedenen Ebenen des menschlichen Wahrnehmungsprozesses und dessen Wirkungspotential. Indem er realitätsferne, sinnwidrige und absurde Situationen konstruiert, verunsichert er unser inneres „Navigationssystem“, das uns durch eine für den Menschen nicht vollkommen durch definierte oder determinierte Welt leitet. (...)

 

 

(...) Es stellt sich also immer wieder die Frage nach der Zuverlässigkeit oder Manipulierbarkeit unserer Wahrnehmung, denn sie ist eine grundlegende Voraussetzung und existenzielle Notwendigkeit unserer geistigen, seelischen und körperlichen Daseinssicherung. (...)

 

 

(... ) So beunruhigend und befremdlich oder unheimlich und absurd die hier besprochenen Videos auch wirken mögen, denn immerhin stellen sie unseren Verstand und unsere Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit zumindest kurzfristig in frage oder strapazieren unsere Netzhaut, so geben sie keinen Anlass zu blockierender Verunsicherung, sondern öffnen die Augen für ihr kreatives Potential. (...)

 

 

(...) ...aber die Erfahrung, etwas machen zu können, das nicht sein muss und dennoch als Form sich auch nur einen Augenblick behauptet...ist unersetzlich. Ohne sie wäre alles unverrückbar-identisch, leblos ...“, denn „...die äußere Wirklichkeit wird“, so Gerhard Roth, „zunächst als 'interne Umwelt' vom Gehirn konstituiert, und zwar ununterbrochen als kognitive..., ästhetische... und soziale Welt, die gewissermaßen durch uns hindurchgeht und wir nicht durch sie.“ Diese Erkenntnis der modernen Gehirnforschung erneuert und bestätigt Kants Gedanken der 'Bewusstseins-Immanenz' der Welt, die als Wahrnehmung immer 'drinnen' ist und die Formen, in denen sie sich äußert, im Prinzip frei wählen kann.“ (2)

 

Dieter Wessinger visualisiert mit seinen Videoarbeiten die stets aktuelle Frage nach der Erkennbarkeit, der Begreifbarkeit der Welt, indem er mit bildnerischen Mitteln und irrationalen Handlungskonstrukten konventionelle Seh- und Erfahrungsmuster in Frage stellt und die nur bis zu einem gewissen Punkt mit Worten erklärbare, also diskursiv fassbare Komplexität menschlicher Wahrnehmung thematisiert. Es scheint die zweideutige Frage zu sein: Bist Du sicher?

 

Agnes Harff-Hilger

 

 

2 Hermann Pfütze, Der unmerkliche Aufwand, Form als soziale Tatsache

in: Kunstforum, Bd. 129, Ruppichteroth 1995 S. 184





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